Aus dem Land der Kehrwoche nach Berlin

Nachdem ich schon in sehr vielen Ländern im Urlaub war und bereits in Taiwan und Belgien für einen längeren Zeitraum gelebt habe, bin ich davon ausgegangen, dass ich mich schnell auf neue Situationen und Kulturen einstellen kann.

Dann bin ich nach Berlin gezogen. Erwartet habe ich es nicht, aber der Kulturschock hat zugeschlagen und das nicht nur ein bisschen sondern in voller Härte …

Da bin ich also aufgewachsen, im Land der Kehrwoche* und mit schwäbischen Wurzeln, dann viel gereist und umgezogen und jetzt in Berlin gelandet.

Wie viele, die eine Zeit lang im Ausland verbracht haben, hatte auch ich immer eine intensive Zeit, wenn ich danach zurück nach Hause gekommen bin. Das ist normal und darauf (auf den „Kulturschock rückwärts“) wurde ich auch im Rahmen meines Bachelorstudiums vorbereitet. Bevor ich nach Berlin gezogen bin, habe ich aber schon in Freiburg gewohnt. Und dass ich einen Kulturschock bekomme, wenn ich innerhalb von Deutschland umziehe, hat mir keiner gesagt.

Erkannt habe ich die Gründe für meine leichte Verwirrtheit auch erst spät. Rückblickend würde ich sagen, dass ich wohl alle Phasen des Kulturschocks durchlaufen habe – von ungedämpfter Begeisterung bis großem Trübsal blasen. Vielleicht liegt es daran, dass ich, als ich zum Beispiel nach Taiwan gezogen bin, nicht erwartet habe, dass die Einheimischen so sind wie ich. Bei Berlin habe ich das sowohl bei meinen Kommilitonen, als auch von allen anderen Leuten in meinem Umfeld erwartet. War dann aber nicht so. Besondere Sympathie habe ich Leuten gegenüber empfunden, welche auch aus dem Süden Deutschlands kommen. Natürlich nicht ausschließlich, aber rückblickend kann ich feststellen, dass es schon verstärkt so war. Nachdem ich mich mit anderen unterhalten habe, kann ich sagen, dass das nicht nur im Ausland so ist, dass sich Expats bevorzugt mit ihren Landsleuten zusammentun, sondern, dass dies auch in Berlin für Deutsche aus den unterschiedlichen Regionen gilt.

Während des ersten Semesters bin ich oft nach Hause gefahren, habe meine Familie und Freunde einfach vermisst. Auf neue Leute konnte ich mich nicht richtig einlassen. An denen lag es aber gar nicht. Ich war einfach noch nicht bereit. Bereit zu erkennen, dass Berlin halt nicht der Schwarzwald ist und bereit mich auf einen neuen Lebensabschnitt einzulassen.

Heute, nach knapp einem Jahr kann ich sagen, dass ich mich mittlerweile sehr wohlfühle in Berlin. Ob es die berüchtigte „Ein-Jahres-Grenze“ ist, die ich jetzt überschritten habe, oder ob ich einfach Zeit gebraucht habe, kann ich nicht sagen. Allerdings weiß ich jetzt, dass man auch innerhalb von Deutschland einen Kulturschock haben kann und dass es durchaus Zeit benötigen kann, Berlin beziehungsweise eine neue Stadt lieben zu lernen. Berlin ist eine tolle Stadt, die durch ihre einzigartige Kraft viele besondere Menschen anzieht. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten für Unternehmungen, es zählt die Berliner „Freundlichkeit“ und es warten die besten Voraussetzungen, die Persönlichkeit in der Anonymität einer Weltstadt zu entfalten. Auch wenn Berlin nie ein richtiges Zuhause für mich werden wird, zählt dieser Lebensabschnitt zu einer wundervoll lehrreichen Station in meinem Leben.

* Für alle, die nicht aus Süddeutschland kommen: die Kehrwoche ist die geregelte Reinigung von Bereichen in Wohnhäusern, welche gemeinschaftlich genutzt werden. Um den Frieden in der Nachbarschaft zu gewährleisten sollte sie unbedingt eingehalten werden!

#longtimenosee #hallofernsehturm #endlichwiederblauerhimmel

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